Pixeldiskurs-Podcast #68 – Gewalt als Werbemittel

Auf der Paris Games Week bekamen wir zwei Trailer zu sehen, deren essentieller Bestandteil die drastische Inszenierung oder zumindest Andeutung von Gewalt ist. Noch dazu richtet diese sich überwiegend gegen weibliche Personen. Wir diskutieren, ob die Trailer von The Last of Us Part II und Detroit: Become Human misogyn oder progressiv sind.

Außerdem geht es um Attack the Light, die Notwendigkeit des Coming Outs und Alzheimer.

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Inhalt:

00:00-00:19 Spielewoche (Attack the Light)

00:19-00:44 Presseschau

00:44-01:13 Thema der Woche

01:13-01:24 Hörerkommentare

Shownotes:

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Über Sophie Bömer

Sophie Bömer (sb) ist seit 2013 Studierende an der Philipps-Universität Marburg und hat vor Kurzem ihren Master in Medienwissenschaften begonnen. Obwohl sie sich selbst nicht unbedingt als eingefleischte Spielekennerin bezeichnen würde, hat sie dennoch Freude daran, sich (auf wissenschaftliche Weise) mit Videospielen aller Art auseinanderzusetzen. Neben diesem Interesse und dem beinahe ungesunden Konsum von Serien auf Netflix setzt sie sich auch gerne mal mit den Fan Studies auseinander.

7 comments

  1. Ein wenig kann ich das von Alexander im letzten Satz gebrachte Argument, dass man keine „acutal women“ treffen würde, nachvollziehen. Keine der im Trailer gezeigten weiblichen Figuren ist ein ’nur‘ Opfer, sie alle sind bis zuletzt wehrhaft; sie spucken ihren Peinigern in’s Gesicht, sie leisten Widerstand gegen das Aussichtslose und raffen sich trotz gebrochener Glieder und Strick am Hals zum finalen Angriff auf. Genau das, was man (auch von männlichen Helden) in Action-Filmen und -Spielen erwartet. In der Realität sind die Opfer von Gewalt, und hier insbesondere Frauen, aber deutlich weniger wehrhaft und tough. Aktuelle Ereignisse, wie die Vorwürfe gegen Weinstein, könnten ohne die überwiegende Mehrheit an passiven Opfern nicht funktionieren; ebenso hat sich erst zuletzt eine Sexualstrafrechts-Novelle denjenigen Opfern gewidmet, die nicht bis zuletzt körperlichen Widerstand leisten konnten. Kritik könnte also von eben jenen Betroffenen und deren Fürsprechern kommen, die hierdurch eine Herabsetzung befürchten.

    Man kann es sicherlich als emanzipatorisch deuten, dass viele weibliche Protagonistinnen in Videospielen (ähnlich ihrer männlichen Pedants) es mit jedem Gegner auch körperlich aufnehmen können – das ist aber weniger Realität als ein Ideal. Auch der männliche Über-Protagonist ist natürlich nicht mehr als eine Fantasie – aber er steht weniger stark im Kontrast zur (möglichen) Ohnmacht in der (patriachal geprägten) Realität.

    Das ganze ist imho, wie auch das Outing-Beispiel aus dem Fußball-Manager, nicht sicher und gut auflösbar, auch meine Argumentation bietet viel Ansatz für Kritik.

    1. Kleine Frage vorne weg: Du kannst sein Argument nachvollziehen oder kannst es nicht nachvollziehen? Wird mir aus deiner Satzkonstruktion nicht ganz klar.

      Leider kann ich es mir nicht versagen, auch noch in die Diskussion einzusteigen, da ich das gewählte Beispiel Weinsteins für wenig fruchtbar halte, wenn deinem Argument gefolgt wird. Dieses postuliert – in der Rezeption – ein binäres Geschlechterverhältnis, nach dem gewisse Aspekte auf biologischer Prädisposition fußen und „Frauen“ ihre passive Rolle rein aus diesem determinierenden Fakt beziehen. Ich würde nun jedoch erwidert, dass dieses passive Verhalten gegenüber Gewalt – welches rein empirische durchaus belegbar ist – viel eher mit der Sozialisation weiblicher Personen (nach dem Englischen sex) zusammenhängt. Weiblicher Personen wird dieses Rollenbild mittels sozialer Konventionen bereist früh als angemessen beigebracht, seine Adaption verspricht wiederum Erfolg mittels sozialer Akzeptanz. Somit liegt ein äußerst enges Verständnis dessen vor, was für eine „Frau“ im Umgang mit Gewalt angemessen ist.
      Außerdem sprachst du bereits die patriarchalen Strukturen vieler Gesellschaften – speziell des als westlich bezeichneten Raumes – an, welche männliche Personen in klareren Machtpositionen installieren. Weinstein hatte die Möglichkeit entscheidenden Einfluss auf den weiteren Lebensweg gewisser Personen auszuüben, auch dabei handelte es sich um Gewaltausübung, schließlich liegt physische nicht als einzige Form der Gewalt vor. Bedeutet durch die Akzeptanz seiner Position war Weinstein in der Lage massiv psychische Gewalt auszuüben.
      Dies steht als Konstituente neben einer anderen Akzeptanz physischer Gewalt durch „Männer“ sowie das Moment der Sozialisation, welches per Konvention ein gewisses Rollenverständnis nebst Handlungsskripts bei „Frauen“ anlegt. Ich maße mir nicht an, sämtliche Konstituenten dieser Situation aufgezeigt, noch die vorhandenen ausreichend behandelt zu haben, allerdings bedarf es einer differenzierteren Erklärung für einen Skandal von der Größe Weinsteins, als der „Frau“ generell Passivität zu bescheinigen.
      Gerade die soziale Legitimität von Gewaltausübung hängt stark mit dem sozial konstruierten Normen zusammen und eben darunter fällt – auf eine Art – auch gender, welches ebenso Produkt sozialer Konstruktion ist. Demnach wäre female (um einmal im Englischen zu bleiben) im wesentlichen eine Ansammlung von Merkmalen, die gewissen Personen konventionell zugedacht werden. Hiernach werden sie als Frau bezeichnet. Sollten sie von diesen Merkmalen abweichen, setzten diese Personen sich sozialen Sanktionen aus, das sie „irgendwie merkwürdig“ seien, ist dabei noch die mildeste Option. Darüber hinaus ist Gewalt gegen „Frauen“ – ebenfalls nach empirischen Maßstäben – deutlich ausgeprägter Vorhanden als gegen „Männer“, gerade was sexuelle Gewalt betrifft. An diesem Punkt spielt gerade der Kontext eine Rolle, weil dieser ebenfalls eine Einfluss auf die Abwägung zur Gewaltausübung einwirkt.
      Kleine Fußnote: Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1997 ein Straftatbestand.

      Deiner Aussage, bei emanzipierten weiblichen Figuren handle es sich nicht um die Realität, einmal den Wind aus den Segeln zu nehmen: Nichts was in einer mediatisierten Form vorliegt, besitzt eine Identität mit einer – wie auch immer gearteten – Realität. Selbst der Bericht in der Tagesschau ist eine mediatisierte Version gewisser Ereignisse, die bloß näher an der realweltlichen Erfahrung liegen, als es eine genuine Fiktion wie ‚The Last of Us‘ tut. Gerade innerhalb der Fiktion kümmert es wenig, wie die realweltliche Konzeption von Geschlechterrollen daherkommt, sollte diese in der generierten Diegese anders ausfallen, braucht sie bloß innerhalb dieser konsistent zu sein.
      Aber der Begriff der „actual women“ scheint mir interessanter, hebt dieser doch ersichtlich auf das theoretische Konzept des „male gaze“ nach Laura Mulvey ab. Diese postuliert eine männliche Konnotation des Kameraauges, weshalb auch die Darstellung von Weiblichkeit keine genuine ist, sondern vielmehr die Konstruktion eines Weiblichkeit nach der männlichen Vorstellung.
      Ähnlich nimmt es sich in den angesprochenen Trailern aus, verweist er doch auf die Erotisierung der weiblichen Figuren mittels der Nachahmung männlich konnotierten Verhaltens, dies scheint sie zwar scheinbar zu emanzipieren, macht sie aber stattdessen zur devianten Kopie des Männlichen.
      Damit sage ich nicht, dass eine weibliche Figur keine Widerstand angesichts physischer Gewalt zeigen darf, sondern das dieser weniger zu ihrer Erotisierung vor dem – männlichen – Kameraauge dienen sollte – und darf. Spannender wäre eine genuine Genese eines Weiblichkeitsbegriffs, der nicht zugunsten der werberelevanten Zielgruppe schlichtweg einem der Männlichkeit untergeordnet würde.

      Abschließend noch die Anmerkung, dass ich niemanden innerhalb dieser Diskussion persönlich angreifen oder verletzten möchte. Sollte mein Vorgehen als harsch empfunden werden, zielt dies bloß auf die Instanz des Arguments, niemals auf die Person, deren Äußerung dieses ist.
      Weiterhin ist alles ein wenig konfus geworden, aber ich hatte zuletzt wenig Schlaf, also weist mich gern auf fehlende Stringenz hin.

      1. Danke für eure lesenswerten Beiträge!

        Den Punkt, dass die weiblichen Figuren männlich konnotiert werden, ging mir auch durch den Kopf. Vor allem mit dem Argument von Alexander: „How many women were involved in the creation, editing and approval of this trailer? In an industry (and studio) that’s predominantly run by men, did women feel comfortable offering a critique?“
        Geschichten, die in Gruppen männlicher Jugendlicher oder Kinder geschrieben werden, folgen einem klassischen Narrativ, der sich in Bedrohung, Ernennung zum Retter, Kampfhandlung und Rückzug gliedert. Neue Handlungsmuster in Geschichten entstehen vornehmlich durch Berührungspunkte zwischen Jungen und Mädchen. Und an dieser Stelle bleibt die Kritik von Alexander valide. Die Narrative des Trailers zeigt keine neuen Handlungsmuster, die den Figuren gerecht werden.

        1. Kleiner Nachtrag um nicht missverstanden zu werden:

          Für die Entwicklung zusätzlicher/neuer Handlungsmuster sind Geschlecht, Hautfarbe, Religion der Charaktere einer Geschichte selbstverständlich nebensächlich. Werden jedoch alle Figuren auf ein einziges Handlungsmuster (Gewalt) reduziert (das tut der Trailer), dann sollte man das auch kritisch betrachten. Unabhängig davon, ob im Trailer nur Frauen zu sehen sind.

      2. Ich kann ihr (Julia Alexanders) Zitat, so wie es im Podcast vorgetragen wurde, nachvollziehen, auch wenn ich die Konsequenz daraus nicht teile. Mir ist auch bewusst, dass meine Argumentation angreifbar ist und zwar genau auf die Art und Weise, auf die du es tust: Eine Gruppe (artifizieller) „Individuen“ wird als Stellvertreter der Gesellschaft herangezogen. Wie soll man es lesen, dass keiner der Männer im Trailer eine Sprechrolle hat? Das keine schwarzen Personen auftauchen? Oder eben: Dass keine rein passive Opferrolle auftaucht? Man kann das Einzelwerk betrachten, man kann das Genre oder das Medium betrachten – und je nachdem wird man unterschiedliche Schlüsse ziehen müssen.
        Es ging nie darum Frauen auf eine passive Opferrolle festzzuschreiben, sondern darum, dass die Rollen-Invertierung auch kein differenzierteres Bild (im Einzelwerk) liefert. Was wir sehen, sind weibliche John McClanes – der kann auch bluten, aber nicht versagen. Also, ist es schlimm, dass keine passive Opferrollen vorkommen, dass nicht die ganze Bandbreite vertreten ist? Nein, natürlich nicht. Es ist so wenig schlimm wie fehlende Frauenfiguren in Apocalypse Now. Man kann die Diskussion hier gut und gerne beenden.
        Meine Betrachtung sollte aber ein wenig darüber hinausgehen: Wie empfindet man die Szene, wenn man als Opfer von Gewalt eben nicht die McClaine-Tour fahren konnte? Wenn man katatonisch alles über sich ergehen ließ? Und wenn nun die (mutmaßlichen) Männer von Naughty Dog zeigen, wie mit als Frau tough – ja fast wie ein echter Mann – mit einer solchen Situation umgeht, ist dies dann Hohn gegenüber den vielen weiblichen Opfern, die keine Kraft zum Widerstand hatten? Natürlich nicht. Und doch ein wenig.
        Das die Situation nicht die gleiche ist, wenn man das Geschlechter tauscht, dafür greife ich gut und gerne auf die von die angebrachten empirischen Daten zur passiveren Rolle von Frauen bei Gewalt zurück.
        Ich glaube wir sind hier teils d’accord, auch du bezeichnest die dargestellte Weiblichkeit als „nach männlichem Vorbild“.
        Weniger übereinstimmend sind wir im Punkt der Wiedergabe von Realität(en): Es ist wenig zielführend ein solches Argument anzubringen, wenn man eine Wechselwirkung zwischen Fiktion und Realität erkennt – und wenn nicht, dann kann man sich die Diskussion sparen. Auch halte ich physische Gewalt zwar nicht für ein genuin männliches Attribut, aber doch für eines, für das die Geschlechter unabhängig ihrer Sozialisation unterschiedliche Präferenzen besitzen (die häufigsten Opfer von (nicht sexueller) physischer Gewalt sind natürlich andere Männer, nicht Frauen. Auch die Täter sind männlich.))
        Alles Andere dürfte den Rahmen zu sehr sprengen.

        Danke für die Diskussion und mit freundlichen Grüßen
        marabu

        1. Damit ich mich nicht wiederholen muss, bitte ich dich auf mein Argument noch einmal zuzugreifen, denn ich sage zu keinem Zeitpunkt, dass eine Invertierung von Rollenbildern eine – qualitativ – bessere Lösung sei, als Stereotypen zu verwenden. Stattdessen argumentiere ich für einen kritischen Blick auf die – soziale – Konstruktion von Geschlecht und damit verbundenen Rollenbildern.
          Außerdem kannst du natürlich auf eine geschlechterbilogische Prädisposition zu Gewaltausübung bestehen und dabei ein binäres Geschlechterverhältnis voraussetzen. Gleichsam bitte ich dich, dies nicht als einen Fakt zu verkaufen, der es nicht ist, sondern als ein mögliches theoretisches Argument, dem ebenso valide Argumente gegenüberstehen. Auch ich behaupt nicht, das meine poststrukturalistische Perspektive die einzig richtige ist.
          In der Rezeption erscheint deine Erwiderung, als würdest du meinem Argument fehlende Stringenz vorwerfen, welche ich nun jedoch gern belegt sehen würde. Sollte dies nicht der Fall gewesen sein – ist schließlich an meine Rezeptionsperspektive gekoppelt – können wir auf unseren disparaten Positionen verbleiben. Steht letztlich für eine gesunde Funktion des Diskurses.
          Den Mittelteil deiner Erwiderung muss ich jedoch zurückweisen, denn eine Kritik wird nicht dadurch invalide, dass mutmaßlich noch weitere kritische Perspektiven möglich sind. Die Darstellung von weiblich markierten Figuren sind in den angesprochenen Paratexten – nach meinem Argument – stringent als kritisch belegt.

          Ich erwidere den Dank aufrichtig.

          1. Der überwiegende Teil meines Kommentars sollte die zuvor von mir beschrittene Argumentation erläutern um weitere Mißverständnisse vorzubeugen – mir lag es fern dir eine ‚Inversion-Lösung‘ zuzuschreiben, ich warf sie dem Trailer vor. Ich denke, dass wir uns in diesem Punkt auch einig sind, dass darin keine adäquate Lösung zu finden ist.
            Tatsächlich betrachte ich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht nur(!) als soziales Konstrukt, sondern als solches in starker Wechselwirkung zur Physiologie. Das impliziert jedoch bei weitem noch kein binäres Geschlechterbild.
            Weder wollte ich deinen Argumenten Stringenz noch Validität absprechen, ich empfand es zu diesem Zeitpunkt einfach wenig zielführend auf den Inkongruenz zwischen fiktionaler und tatsächlicer Realität hinzuweisen, wenn die Diskussion sich doch schon um deren Interaktion dreht.

            Ich möchte auch noch gerne anfügen, dass ich persönlich gar kein Problem mit dem Trailer habe und lediglich der Idee gefolgt bin, dass dort keine „actual women“ sondern Action-Karikaturen („ideas of what women should be in games like this“) auftauchen. Da im Podcast doch recht schnell ein dem widersprechende Konsens (ging salopp so in die Richtung gesamte Bandbreite an Frauenfiguren im Trailer abgedeckt) gefunden wurde meine Ausführungen.

            Vielen und viele Grüße
            marabu

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