#215 Nazi-Gamer und das Rauschen der Killerspieldebatte

In einer kurzen Reportage setzt sich frontal_21 mit Rechtsradikalismus innerhalb der Gameskultur auseinander und darauf folgt fulminante Kritik. Wir schauen uns sowohl den Beitrag als auch dessen Kritik an und betten die Diskussion in die Gegebenheiten der kontemporären Medienöffentlichkeit ein.

Außerdem geht es um Hades, Unternehmenskriminalität und Home-Office.

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Über Ramin Siegmund

Ramin Siegmund, M.A. Erziehungs- und Bildungswissenschaften, lehrt und forscht an der Philipps-Universität Marburg im Bereich der Erwachsenenbildung. Die Faszination von Videospielen begleitet ihn sein Leben lang und findet unter anderem Einzug in seine Lehre, bspw. zum Thema Gamification, Computerspielpädagogik und Game-based Learning.

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Über Stefan Heinrich Simond

Stefan Heinrich Simond (shs) publiziert und unterrichtet im Bereich der Game Studies am Institut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Er promoviert zur Konstruktion psychischer Krankheiten und psychiatrischer Institutionen in digitalen Spielen, ist Chefredakteur bei pixeldiskurs.de und hostet den wöchentlichen Pixeldiskurs-Podcasts.

7 comments

  1. Liebes Pixelsdiskurs-Team,

    ich habe gerade über euren Podcast erst von dem „Shitstorm“ und der Frontal21-Berichterstattung mitbekommen und mir den Beitrag einmal angeschaut, sowie mal kurz bei den Spacefrogs und bei KuchenTV reingeschaut (die hier und da gute Kritikpunkte ansprachen, mir dann aber doch zu polemisch waren, zugegeben).

    Auch bin ich gerade erst 20 Minuten in eurem Podcast drin, möchte dennoch eine Kleinigkeit anmerken. Ihr sprecht dort über den Frontal21-Bericht von einer „Doku“. Das ist allerdings nicht ganz korrekt, da es sich um eine Reportage handelt. Das zu erwähnen, erscheint vielleicht wie Erbsenzählerei, ist aber ein wichtiger Unterschied, da Dokumentation per Definition möglichst objektiv sein sollen, Reportagen allerdings „subjektive Färbungen und Impressionen enthalten“, siehe die Definitionen unten. Bei dem Frontal21-Bericht haben wir es also eindeutig mit einer Reportage zu tun, weswegen hier natürlich auch Meinungsfärbungen vertreten sein dürfen. Ihr nanntet ja schon Christian Huberts als Positivbeispiel, da stimme ich euch zu, ebenfalls finde ich den von euch verlinkten ingame.de-Artikel in der Argumentation auch recht aufschlußreich. So, genug gemeckert, ich höre mal weiter! 🙂

    VG
    Arndt

    PS: Hier noch die erwähnten Definitionen:
    „Reportage: eine informierende Darstellungsform, die Nachricht und Bericht „ergänzt“, aber nicht „ersetzt“ (Schult/Buchholz S.156). Im Unterschied zum Bericht muss die Reportage nicht alle Aspekte des Geschehens zur Kenntnis nehmen und das Wichtigste auswählen, sondern kann nur einen Teil der Wirklichkeit spotlichtartig ausleuchten. Dreierlei unterscheidet sie von der Nachricht: 1. gibt die Reportage „solche Tatsachen wieder, die der Reporter selbst gehört oder gesehen hat“, 2. darf sie „subjektive Färbungen und Impressionen enthalten“, wobei sie das Urteil aber möglichst den Lesern und Zuschauern überlässt. 3. Ist die Reportage nicht nach Wichtigkeit „hierarchisch aufgebaut …,sondern dramaturgisch.“ (Schneider S.327f.). Sie führt Leser, Zuschauer oder Hörer (in der Live-Reportage zeitgleich) vor Ort, lässt das Publikum das Ereignis mit den Augen des Reporters sehen. Die Subjektivität sollte sich indes auf die Sinneseindrücke des Reporters beschränken, „bei Recherche und Schilderung“ sollte er sich (nach La Roche S.137) „um Objektivität“ bemühen. Klassische Beispiele für die Reportage finden sich auf der Seite 3 der Süddeutschen Zeitung.

    „Dokumentation: wohl die umfangreichste journalistische Form, die ein Geschehen oder Thema in einen umfassenden Zusammenhang einordnet, wobei sie eine möglichst objektive Position einnehmen und sachlich informieren sollte. Die Dokumentation fußt auf einer gründlichen (beim TV auch Bilder-) Recherche, zu der Interviews, Publikumsumfragen und die Nachforschung nach einschlägigem Material in möglichst vielen Archiven gehört. Sie arbeitet mit Aktenauszügen, dokumentarischen Texten und – bei Hörfunk und Fernsehen – mit Originalaufnahmen, die der Dokumentation Authentizität, Lebendigkeit und Gegenwärtigkeit verleihen.[…](siehe Schult/Buchholz S.201).“

    https://www.br.de/telekolleg/faecher/deutsch/medienkompetenz/05-darstellungsformen102.html

    1. Das ist vollkommen korrekt, ja. Ich danke aufrichtig für den Hinweis – üblicherweise achte ich auf solche terminologischen Differenzierungen, insbesondere wenn es um mediale Formate geht. Ich nehme, wenn es Recht ist, einen Auszug aus deinem Kommentar mit in die nächste Sendung, damit wir das noch mal kurz on air richtig stellen können.

      Ich finde es nämlich auch stets kostbar herauszustellen, dass auch im Öffentlich-Rechtlichen Meinungen durchaus vollkommen legitim platziert werden können, auch wenn sie nicht der eigenen entsprechen 🙂

      1. Hallo Stefan,

        danke für dein Feedback und natürlich kannst du einen Auszug aus dem Kommentar nutzen, gerne. Und ich habe gestern mir noch bis viertel nach Zwei den Rest angehört! 😀 Bin auch echt dankbar und froh, von eurer ausgeglichenen und vernünftigen Einordnung sowohl des Beitrags selbst als auch des „Shitstorms“ gehört zu haben, nachdem das Internet erwartungsgemäß wieder einmal durchgedreht ist und die ähnlich gleichen Platitüden zu hören/lesen waren („Killer essen Brot, Brot verbieten?“, dieses Niveau halt). Schön war auch dein (?) Denkansatz, dass erst durch KuchenTVs und Space Frogs Lästereien über den Beitrag der Beitrag selbst zum Ziel eines Shitstorms der Fans beider YT-Channels wurde.

        VG
        Arndt

  2. Die Kommentare auf YouTube unter der Reportage gehen gar nicht. Da werden einige Grenzen überschritten. Aber auf Facebook findet zumindest in meiner Bubble eine durchaus fundierte Kritik statt. Ich möchte daher auch einen Kommentar eines guten Kollegen teilen, der sich vor allem mit den handwerklichen Fehler befasst hat – und zusammenfasst, was wohl viele der Gamer mies finden aber nicht auszudrücken vermögen:

    Ich muss leider sagen, dass der Beitrag – gelinde gesagt – sehr unglücklich geraten ist. Einerseits werden Sachverhalte stark vereinfacht, keine Belege für Behauptungen und Andeutungen geliefert, sowieso wurde nicht zwischen Fakten und Annahmen differenziert, es wurde pauschalisiert und alles mit sehr viel Pathos überschmiert. Christian Huberts ist in dem Beitrag zwar eine Stimme der Vernunft und Rationalität. Leider wird beides immer wieder durch das suggestive Geraune der Off-Stimme relativiert: „Games, Terror und Rechte. Irgendwas scheint da dran zu sein.“

    Schwierig und eigentlich sogar perfide ist die Sprechtext-Bild-Schere, die an manchen Stellen wohl sehr bewusst eingesetzt wird, um eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen. Einerseits wird etwa erklärt, dass keine Beweislage existiert, die virtuelle mit echter Gewalt in Verbindung bringt; gleichzeitig ist zu sehen, wie in GTA5 reihenweise Zivilisten getötet werden.

    Ebenso wird ja immer wieder darauf hingewiesen – aber nie explizit gesagt –, dass „die Gamer-Community“ von Nazis „unterwandert“ sei. Gleichzeitig werden Steam-Gruppen gezeigt, die „Germany“ im Namen oder eine Reichsflagge zeigen; sie fliegen über den Bildschirm, wobei leicht übersehen werden kann, dass die Gruppen mal nur 15, mal 150 Mitglieder haben. Auch hier ziemlich fragwürdig: Es wird angedeutet, nahegelegt, dass da noch viel, viel mehr sei – was aber nicht der Realität entspricht. Dazu: Wenn man sich diese Steam-Gruppen anschaut … wirkliche Nazis sind das nicht, teilweise nur ein paar Typen, die gerne Historienspiele zocken und sich für das deutsche Reich interessieren. Hier mal der Beschreibungstext einer der gezeigten Gruppen: „Diese Gemeinschaft ist für alle Deutschen, Deutsch sprechenden, oder diejenigen, die Deutschland mögen, das heißt, dass auch ausländische Mitglieder bei uns herzlich willkommen sind. Dies ist eine Gruppe für alle die Stolz auf Deutschland sind. Und auch stolz sind, Deutsche oder Deutscher zu sein.“

    https://steamcommunity.com/groups/Deutschland-Germany

    Ähnlich ist die Sache bei den vermeintlichen Verehrern von Breivik; denn manche davon, nun ja, haben offenbar nur zufällig den gleichen Nachnamen.

    Dann … die Aufzählung verschiedener Attentate: Hier wird ein Zusammenhang zwischen Gewalttaten und Games hergestellt, der weder bewiesen wird noch bewiesen werden kann. Und … Alter! natürlich ist die Chance bei irgendwas um die 99 Prozent, dass ein Mann zwischen 18 und 40 Jahren Videospiele spielt. Einfach weil Games ein Massenmedium sind, das mittlerweile fest in der Gesellschaft verankert ist.

    Die Sache mit Heimat Defender … was soll man da sagen: Es ist vollkommen unnötig, einen von den Typen einzuladen und sprechen zu lassen, wobei er sich als chilliger Typ darstellen kann. Und wieso wurde der wichtige Fakt weggelassen, dass Heimat Defender von Steam geflogen ist? Wäre nicht unwichtig gewesen.

    Und was soll eigentlich das Bild mit dem Minecraft-Hitler?!? Ich hab das mal gesucht und das stammt halt aus einem Kanal, wo irgendein scheinbar sehr junger Typ „Celebrities“ in Minecraft bastelt. Da ist sind auch Iron Man und Trump dabei. Mit einer Nazi-Unterwanderung hat das nun wirklich wenig zu schaffen.

    Da hier übrigens einige behaupten, dass es in dem Beitrag um eine kleine Schnittmenge zwischen Gameskultur und Rechtsradikalen oder die diffuse Verbreitung von rechtem Brauchtum und NS-Symbolik gehe. Einerseits hat das diese Beitrag dann nicht wirklich gut geschafft. Und es ist nicht was, worum es laut der Redaktion in dem Beitrag geht. Die sagt explizit, dass sich die Doku darum dreht, wie Rechte Games „für Propaganda und die Rekrutierung neuer Mitglieder“ nutzen; wie sie „Games-Kultur“ ausnutzen und sich „in Games sehr wohl“ fühlen.

    Das Fazit, das letztlich wohl bei vielen hängen bleibt: Games, Rechte und Terrorismus gehören zusammen.

  3. Bevor ich zu meinem eigentlichen Hauptkommentar komme, hier eine kleine Anmerkung: Ich finde deine Anmerkung korrekt, dass es pietätlos sein kann sich in Steam Breivik zu nennen, selbst wann das der eigene Nachname ist. Im kollektiven Gedächtnis hat dieser Name eindeutig eine Konnotation zu dem Attentäter. Aber: Wenn man einmal bei Steam nach dem Namen Breivik schaut, gibt es auch einige Karteileichen, die so heißen und somit auch nicht in die Kategorie fehlendes Fingerspitzengefühl fallen. Folglich finde ich das wirklich auch kein Punkt, den Frontal hätte bringen sollen.

    Der Beitrag selbst wurde ja inzwischen zu Genüge kritisiert, sodass alle Schwachstellen meines Erachtens zu Recht deutlich benannt wurden. Unabhängig davon bin ich unschlüssig wie ich den Beitrag als Ganzes bewerte.
    Einerseits hat der Beitrag es geschafft dieses Thema auch abseits der Blase der Game Studies sowie der bewussteren/anspruchsvolleren Blogger- und Twitterszene auf die Agenda zu setzen. Ich finde rechte Tendenzen sind in der Videospielszene in einigen Bereichen virulent, sowohl im Bezug auf Sexismus als auch im Bezug auf Rassismus. Von daher muss das Thema auch vom „Videospiel-Mainstream“ sowie der Videospiel-Community aufgegriffen werden.
    Aufgrund der Machart hat der Beitrag diesem Anliegen jedoch einen Bärendienst erwiesen. Es gibt viele Teile der Videospiel-Community, die diese Problematik abstreiten oder schlicht und einfach verharmlosen. Durch die eklatanten Mängel des Beitrages hat man diesen Leute die Möglichkeit gegeben, sich als eine Art Beißreflex auf dessen Kritik zu fokussieren. Und gerade in den Bereichen wo es am meisten darauf ankommt, in den Youtube-Kommentarspalten, in klassischen Videospiel-Foren… überall da wo der klischeehafte „Core-Gamer“ Zuhause ist, hat sich die Diskussion in eine Diskussion über die Machart des Beitrags verlagert und die inhaltliche Diskussion über Sexismus und Rassismus in der Videospiel-Community findet daher schon wieder nicht statt. Auch gibt man Leuten die Chance Kritik am Beitrag unbewusst oder bewusst damit zu verbinden, dass man die Problematik wieder verharmlost oder gar leugnet.

    Wenn Leute wie Space Frogs die Thematik in ihren eigenem Content nie aufgreifen und es dann nur einmal dann tun, wenn sie solch einen Beitrag kommentieren, dann suggerieren sie doch ihren Zuschauen, dass das Thema komplett unberechtigt ist, da ihre einzige Auseinandersetzung mit dem Thema darin besteht, einen Beitrag der es (in einigen Bereichen sehr mangelhaft) tut, zu delegitimieren.
    Das ist auch meine Hauptkritik an, die sich alle Videospielmedien und -influencer gefallen lassen müssen, die sich sonst nie mit dem Thema beschäftigen. Wer sonst über das Thema schweigt, soll es jetzt auch tun und nicht nur jetzt auf einen Beitrag einprügeln um dem Beißreflex der Youtuber-Masse noch Futter zu geben um so einfaches Lob zu kassieren. Von daher sind diese Youtuber etc. für mich schlimmer als der Frontal-Beitrag.
    Wenn sie das Schild vor sich her tragen, dass sie nur Unterhalter sind, dann sollen sie nicht auf das Thema eingehen, weil es ihre Kompetenzen übersteigt. Wenn sie es doch tun und sich aber darauf Beschränken zum x-ten Mal die für die Videospiel-Szene ohnehin schon offenkundigen Mängel des Beitrags durchzukauen, dann müssen sie sich finde ich auch die Kritik gefallen lassen, dass sie sich sonst vor solchen Themen wegducken und daher weder die Kompetenz haben sich irgendwie ein differenziertes Urteil bilden zu können noch dass sie irgendwie dazu beitragen negative Tendenzen in der Videospiel-Community zu benennen oder diesen gar zu entgegnen oder zumindest mit positivem Beispiel voran zu gehen. Leider gibt es keine Instanz, die eine große Reichweite hat und diese Kritik prominent aussprechen kann.

    1. Vielen Dank für deine erhellende Perspektive! Du hast bestimmt Recht mit der Beobachtung, dass das eigentliche Ziel des Beitrages, Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, aufgrund von formalen Fehlern versäumt wurde. Für uns ist das vermutlich weniger drastisch, weil wir in unserer Sendung ohnehin immer wieder darüber sprechen, aber für den weiteren Computerspieldiskurs wäre das schon wichtig gewesen.

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