Pixeldiskurs-Podcast #154 – Gaming Disorder: Im Schatten einer Diagnose (mit Prof. Dr. Anne Mette Thorauge & Jurriaan van Rijswijk)

Vor knapp einem Jahr hat die World Health Organisation die Entscheidung gefällt, die sogenannte Gaming Disorder in ihren Diagnosekatalog aufzunehmen. Als nicht-stoffgebundene Sucht sollen so spezifisch Personen diagnostiziert und therapiert werden, deren Spielverhalten über einen Zeitraum von zwölf Monaten exzessiv ist und dazu führt, dass andere Lebensbereiche vernachlässigt werden. Mit Prof. Dr. Anne Mette Thorauge vom Department of Media, Cognition and Communication an der Universität Copenhagen und Jurriaan van Rijswijk, dem Gründer und Vorsitzenden der Games for Health Foundation Europe, diskutieren wir über die Chancen und Gefahren der Gaming Disorder.

Außerdem geht es um den #metoo-Moment der Spielebranche, die Nintendo Switch und Final Fantasy XIV: A Realm Reborn.

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Inhalt:

00:00:00 – 00:53:46 Spielewoche
00:53:46 – 01:42:20 Presseschau
01:42:20 – 02:15:45 Thema der Woche

Shownotes:

Pixeldiskurs-Episoden und Artikel:

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Über Tobias Klös

Tobias Klös (tk), M.A. Erziehungs- und Bildungswissenschaft, ist seit 2016 Co-Host des Pixeldiskurs-Podcasts. Im Bereich der Game Studies interessiert er sich für Game-Based-Learning, Gamification, Kulturindustrie und die Räumlichkeit digitaler Spiele.

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Über Stefan Heinrich Simond

Stefan Heinrich Simond (shs) publiziert und unterrichtet im Bereich der Game Studies am Institut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Er promoviert zur Konstruktion psychischer Krankheiten und psychiatrischer Institutionen in digitalen Spielen, ist Chefredakteur bei pixeldiskurs.de und hostet den wöchentlichen Pixeldiskurs-Podcasts.

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Über Natascha Balduf

Natascha Balduf (nb) hat an der Justus-Liebig-Universität Gießen im Master Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaft studiert und promoviert gegenwärtig am Institut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg zur Darstellung geschlechtlicher Körper in digitalen Spielen.

3 comments

  1. Huhu,

    ein spannender Beitrag! Natürlich hat Frau Thourage Recht mit dem Argument, dass man mehr über die Geschäftsmodelle, Altersfreigaben usw. diskutieren muss. Und auch Herr van Rijswijk hat Recht damit, dass es im Kern um eine Dopaminabhängigkeit geht (was ja schlussendlich der Unterschied zwischen stoffgebundenen und nicht-stoffgebundenen Süchten darstellt: kommt die „Droge“ von Außen oder produziert sie unser Organismus selbst). Dennoch habe ich mich schon auf dem Congress gewundert, dass die Diagnosekriterien niemals durchexerziert wurden.
    Wer sich ein bisschen damit beschäftigt, wird feststellen, dass sie denen anderer Sucht-Diagnosen sehr stark entlehnt sind. Und der wird auch feststellen, dass eines der Kriterien beinhaltet, dass es zu starken Einschränkungen im täglichen Funktionieren kommen muss (Gefährdung der Arbeitsstelle, der schulischen Ausbildung etc.). Ein anderes Kriterium beinhaltet, dass ein Kontrollverlust bezüglich u.A. der Dauer des Spielens auftritt. Beides wird bei Frau Thourages fußballspielender Tochter oder Herrn van Rijswijks Bücherlese-Beispiel wohl kaum der Fall sein. Insofern können diese Beispiele in meinen Augen auch nicht als Entkräftung einer solchen Diagnose herhalten.
    Es geht bei der Gaming Disorder m.E. keinesfalls darum, einen Menschen, der einfach gerne viel spielt zu stigmatisieren und Geld an ihm zu verdienen, sondern darum, eine Diagnose für Menschen zu schaffen, die die Kontrolle über ihr Leben verloren haben.
    Das DSM-V (das amerikanische Pendant zum ICD 10/11) hat ebenfalls diese Diagnose aufgenommen, allerdings als Forschungsdiagnose. Dort sind die Kriterien etwas aufgeschlüsselter, decken sich im Großen und Ganzen aber mit denen des ICD-11. Auch dort wird bewusst keine Angabe zur Spieldauer pro Tag gemacht, sondern liegt der Fokus auf der Einschränkung einer normalen Funktionsfähigkeit im Alltag (wie bei allen anderen Diagnosen auch).
    Zudem darf man an dieser Stelle auch nicht vergessen, dass Menschen rein rechtlich nur dann therapiert werden dürfen, wenn sie das selbst wollen. Das Argument, man könne nun plötzlich mit ganz vielen „neuen“ Menschen Geld verdienen, weil man sie jetzt als krank abstempeln kann, ist daher ein bisschen weit hergeholt.

    Aus psychotherapeutischer Sicht kann ich Frau Thourages Argumentation, eine solche Diagnose würde nun alle Last der „erkrankten“ Person auf die Schultern legen, nur bedingt zustimmen. Freilich hat sie Recht damit, dass es fragwürdige Geschäftsmodelle gibt, die insbesondere Kindern einfach nicht zugänglich sein sollten. Sprechen wir aber von erwachsenen, mündigen Personen, dann können diese unterschiedlich „anfällig“ dafür sein, in eine Spielsucht zu geraten. Ein psychisch stabiler Mensch wird deutlich weniger Gefahr laufen, ein krankhaftes Spielverhalten zu entwickeln als eine Person, die psychisch instabil ist. Daher geht es meines Erachtens eher darum, die psychische Instabilität einer Person zu behandeln und wäre eine diagnostizierte „Gaming Disorder“ eher ein Symptom einer Dysfunktionalität auf einer anderen Ebene der Persönlichkeit.

    LG,
    Jessica

    1. Vielen Dank für deine Ergänzung und Kritik! Ich stimme dir in weiten Teilen zu. Mir scheint die Kritik an der Gaming Disorder in vielerlei Hinsicht etwas verkürzt. Auf die Frage, ob ‚Gaming Disorder‘ als Diagnose legitim ist, hätte ich etwa deutlich zurückhaltender nur antworten können. Einerseits sehe ich es schon so, dass im Zuge eines medizinischen Blickes die Verantwortung für Gesundheit/Krankheit im Kontext neoliberaler Gesellschaftsstrukturen dem Individuum aufgebürdet sind. Andererseits aber scheint mir, dass die Diagnose als psychotherapeutische Interventionsmöglichkeit in nach engen Kriterien pathologisch geltenden Fällen durchaus Sinn macht. Die pädagogischen und empathischen Herangehensweisen sind wohl allenfalls auszureizen. Aber eine Sucht kann auch trotz sich ändernder Kontexte fortbestehen und eine medizinische Intervention erforderlich sein. Für all jene, die, wie du unterstreichst, die Kontrolle über ihr Spielverhalten verloren haben und die unter signifikanten Konsequenzen in ihrem Alltag leiden, kann die Diagnose darin hilfreich sein, das eigene Verhalten zu verstehen und mit professioneller Zuwendung Mittel und Wege zu finden, die Sucht zu überwinden.

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