Das Nintendo Labo Klavier als Lerninstrument

Viele Menschen spielen seit Kinder- oder Jugendtagen ein Musikinstrument, wenn nicht sogar mehrere. Jedoch kommt manch anderer selbst als erwachsene Person nicht dazu, ein Instrument zu erlernen, was an einer Vielzahl an Gründen liegt. Hierbei sind zum Beispiel die Anschaffungskosten, die geeignete Lehrperson und natürlich die große Zeitinvestition zu nennen. Bei mir persönlich hat sich ein Interesse an akustischen Instrumenten erst spät bemerkbar gemacht, was zunächst durch einen abgebrochenen Gitarrenunterricht und später durch Rhythmusspiele gestillt wurde. Als dann Jahre später eine Empfehlung zum Klavierlernen folgte, wurde mir zeitlich nahe die Chance gegeben, das Nintendo Labo Klavier auszuprobieren.


Dieser Beitrag wurde von unserem Gastautor Alexander Michaelis geschrieben. Die Autoreninformation befindet sich am Ende des Artikels.


Ich habe vorher bereits davon gehört, dass es durch Spiele wie zum Beispiel Rocksmith (2011) möglich ist, spielerisch ernsthaft das Spielen einer Gitarre oder eines Basses zu erlernen, wodurch jeder die Chance auf einen angenehmen Einstieg in diese komplexe Kunst erhält. Daher waren meine Erwartungen an das Nintendo Labo Klavier hoch, da sich Nintendo auch mit Titeln wie Wii Music (2008) an die Vermittlung von Musikinstrumenten herangewagt hat.

Bevor das Klavier jedoch gespielt wird, muss dieses erstmal aus Pappe zusammengebastelt werden. Das Klavier benötigt im Verhältnis zu den ersten Toy-Cons des Sets etwas länger zum Basteln und ist auch etwas aufwendiger. Jedoch sollten geduldige Finger jeden Alters keinerlei Probleme hierbei haben. Dafür sorgt die digitale Bauanleitung mit der Schritt-für-Schritt Vorgehensweise und der 3D-Ansicht, welche im Artikel zum Basteln und Spielen genauer beschrieben wird. Durch das eigene Errichten wird auch klar, wie das Klavier funktioniert.

Jede einzelne Taste sitzt wippenartig auf einer Halterung, sodass nur die Schwerkraft und kein Gummiband oder dergleichen die Taste auf ihre neutrale Position bringt. Der Anschlag der Taste wird durch die Infrarotkamera des in das Klavier gerichteten Joy-Con-Controllers erkannt. Dafür hat jede Taste an dem inneren Ende einen reflektierenden Aufkleber, der erst beim Drücken der Taste von innen sichtbar wird. Die Tasten decken genau eine Oktave ab, jedoch befindet sich an der linken Seite ein Hebel, mit dem eine Oktave höher oder tiefer gespielt werden kann. Desweiteren sind vier gebastelte Stecker vorhanden, die beim Einstecken in das Klavier die Art des Tons verändern, zum Beispiel in das Miauen einer Katze. Es gibt noch einen Play/Pause-, Aufnahme- und noch einen weiteren Knopf, jedoch sind diese eher im Studiomodus relevant.

Das Klavier ist neben dem Motorrad und der Angel ein Toy-Con mit zwei Spielmodi: Klavier und Studio. Der Klaviermodus zeigt die Tasten des Klaviers als runde Knöpfe in unterschiedlicher Ausführung, je nachdem welcher Stecker gerade eingesteckt ist. Es wird visuell auf dem Bildschirm dargestellt, welche Tasten gerade gedrückt werden, während die Lautsprecher des Bildschirms den Ton ausgeben. Ausgenommen hiervon ist der vierte Stecker, welcher den Ton dank HD-Rumble-Feature durch Vibration des zweiten Joy-Con erzeugt. Der Play-Button spielt kleine Demonstrationen ab, jedoch sind diese ohne vorher erlernte Fertigkeiten aufgrund des Tempos nicht sehr einfach nachzuspielen. Zusammengefasst ist dieser Modus ein Keyboard mit ansprechender Visualisierung und einstellbaren Samples, es ist aber keine Art von Spiel- oder Lernmethodik eingebaut.

Das Klavier im ersten Moment zu spielen wirkt wie Magie, da durch den Druck auf Pappe plötzlich schöne Klänge ertönen. Im ersten Moment versucht man für sich alles zu entdecken und entsprechend drückt man alles, was irgendwie gedrückt werden kann. Als ich einen der Stecker aktiviert habe und das Klavier einen Männerchor abspielt, hatte ich die typisch spaßige Seite Nintendos verspürt und fühlte mich durchaus wie ein Kind. Aber als ich dann mehrere Male die Play-Taste betätigte und mir diverse bekannte Nintendo-Melodien vorgespielt wurden, war klar, dass dies hier doch ein echtes Musikinstrument war. Überraschend war auch das Gefühl der Tasten, welches weder hochwertig noch billig ist, sondern etwas ganz Eigenes. Tatsächlich funktionieren diese auch sehr gut, jedoch haben Sonnenstrahlen an einem Tag die Mechanismen etwas behindert. Solange man darauf achtet und auch die in der Software inkludierten Ratschläge bei Problemen befolgt, sollten von technischer Seite aus keine irreparablen Probleme auftreten.

Der Studiomodus erweitert das Klavier erheblich mit einer Aufnahme- und Abspielfunktion für bis zu acht Spuren, fünf Oktaven und frei einstellbaren Toneffekten, inklusive der Möglichkeit eine eigene Synthesizer-Kurve auszuschneiden und einscannen zu lassen. Es ist außerdem möglich, mit einer Art Lochkarte einen Schlagzeug-Rhythmus vorzugeben. Diese beiden letzteren Funktionen werden über den Schlitz auf der Oberseite des Klaviers ermöglicht, wobei nach dem Einschieben der Pappe der große Knopf direkt daneben betätigt werden kann, damit die Joy-Con Kamera dies abliest. Außerdem ist es möglich, den Takt durch Schwingen des zweiten Joy-Con zu verändern, was leider im Gegensatz zu allen anderen Funktionen ungenau und überempfindlich funktioniert.

Bei diesem Modus hatte ich noch viel stärker das Gefühl, ins kalte Wasser geworfen zu werden, was besonders an den vielen Funktionen und zunächst fehlender Erklärung dieser liegt. Als musikalischer Anfänger wirkte die Aufnahmefunktion geradezu abschreckend, da ich das Gefühl hatte, zueinander passende Spuren aufnehmen zu müssen. Die nötige Musiktheorie ist in der ganzen Software nirgends zu finden, und davon abgesehen war es Herausforderung genug, mich der Geschwindigkeit des Schlagzeugs anzupassen. Um etwas Hörbares in diesem Modus zu erzeugen, fehlen als Anfänger definitiv das nötige Training und Wissen, was von Nintendo an dieser Stelle nicht geliefert wird.

Kurz zu erwähnen ist an dieser Stelle der Lernmodus von Nintendo Labo, der die Funktionsweise der Toy-Cons vor allem der jungen Zielgruppe anschaulich und mit Witz erklärt. Das Klavier ist vom Aufbau her definitiv den kompliziertesten Toy-Cons zuzuordnen und bietet mit Abstand die vielfältigsten Optionen. Eine Erklärung aller Funktionen beider Modi im „Entdecken“-Modus ist daher sehr willkommen, auch wenn dieser extra Schritt besonders beim Klavier nicht ganz intuitiv ist. Neben der spannenden Funktionsweise wird aber leider nicht erklärt, wie man wirklich Klavier spielt oder es zumindest lernen könnte.

Jedoch ist zu betonen, dass die Komposition eines komplexen Stückes beziehungsweise das bloße Klimpern und Probieren auf dem Klavier eine eigene Art von Spiel sind, die mir als Laie auch schon besonders viel Spaß bereitet haben. Wenn Lieder nachgespielt werden sollen, gibt es abseits der verschiedenen Demos im Klaviermodus und einer beigelegten Pappe mit Noten keinerlei Hilfe, was für Einsteiger nicht hilfreich ist. Durch externe Quellen wie Eltern, Freunde oder Internet kann und muss einem Anfänger nachgeholfen werden. Nur durch eben diese Hilfe gelang es auch mir, einen kleinen Song aus der Zelda-Serie nachzuspielen, was auch gut auf dem Klavier aus Pappe funktioniert. Ohne große Erfahrung wirkt der Studiomodus überwältigend und etwas sinnvoll Klingendes zu produzieren wirkt unmöglich. Jedoch haben Internetvideos bereits bestätigt, dass dort enormes Potential vorliegt und Hobby-Musiker absolut auf ihre Kosten kommen.

Zusammenfassend ist das Nintendo Labo Klavier interessant für jede Art von Zielgruppe, jedoch wird Musikerfahrung stark belohnt und für Laien ist es in erster Linie ein gutes Spielzeug, wenn nicht sogar ein Einsteigerklavier. Was den Einstieg freundlich macht, ist der Kostenpunkt (wenn man die restlichen Toy-Cons im Set bedenkt) und das verspielte Interface, welches auch bei Geklimper viel Freude bringt. Negativ aufgefallen ist jedoch das physische Fehlen weiterer Oktaven, da nur wenige Lieder mit einer Oktave auskommen und das Schalten mit dem Hebel eine extra Hand benötigt, die auf der Klaviatur dann fehlt. Insgesamt ist das Klavier mehr als Spielzeug oder Spielerei zu betrachten, nicht als Lernwerkzeug. Das wirkliche Lernen des Instruments ist ganz klar nicht Ziel der Software und muss extern erfolgen. Die Erwartung, etwas wie Rocksmith vorzufinden, war viel zu hoch angesetzt, sodass auch eine Enttäuschung nicht gerechtfertigt ist. Aber zu merken, wie viel Spaß ein doch so simples Papp-Klavier bereiten kann, hat definitiv mein Interesse an dem Instrument geweckt, und die Vorstellung, dass so manches Kind hierdurch auch ein Interesse dafür entwickelt, ist nicht sehr fern.


Zum Autoren des Artikels:

Alexander Michaelis studiert nach absolviertem Bachelor frisch den M.A. Medien und kulturelle Praxis an der Philipps-Universität Marburg. Schon seit sehr frühen Kindertagen interessiert er sich für diverse Videospiele aller Plattformen und Zielgruppen. Um mit diesem aufgestauten Wissen vielleicht auch etwas mehr anfangen zu können, versucht er nun durch Studium und Kolloquium sich auf wissenschaftliche Weise dem Gegenstand zu nähern. Um den Zockeralltag aufzulockern und noch ein anderes Interessengebiet im Studium zu haben, sind Kampfsport und Filme (streng voneinander getrennt) als weiterer Zeitvertreib auch noch zu nennen.

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