Mehr als nur Basteln und Spielen

Über den „Entdecken“-Modus und seine Bedeutung für Nintendo Labo

„Bauen, Spielen, Entdecken.“ Nintendos Leitsatz zur hauseigenen Pappwerkstatt könnte einfacher und prägnanter nicht sein. Wo Basteln und Spielen quasi selbsterklärende Prinzipien sind, steckt hinter dem „Entdecken“-Teil des Nintendo Labo: Multi Set (2018) mehr als man denkt – zumindest wenn man die bisherige Berichterstattung dazu verfolgt hat.


Dieser Beitrag wurde von unserer Gastautorin Tessa Eigenbrod geschrieben. Die Autorinneninformation befindet sich am Ende des Artikels.


Der Star dieser Kategorie ist augenscheinlich die Toy-Con-Werkstatt, in der mit Hilfe der verschiedenen Labo-Funktionsweisen eigene Kombinationen aus Pappe und Software kreiert werden können. Wird der Blick nur darauf gerichtet, verliert man aber schnell den Teil des „Entdecken“-Modus aus den Augen, der die effektive Nutzung der Werkstatt erst möglich macht und der Labo die Tiefe gibt, die auf den ersten Blick immer zu fehlen scheint.

Der ,eigentliche‘ „Entdecken“-Abschnitt wird nach dem Bau des RC-Autos freigeschaltet. Hier werden einerseits Bedienung und Eigenschaften der gebauten Sets, der sogenannten Toy-Cons, erklärt und andererseits zusätzlich Einblicke in ihren Aufbau und in die Funktionsweise der Controller, den Joy-Cons, gegeben. Wie bewegt sich das RC-Auto? Wieso spielt die Konsole einen Ton, wenn ich eine Papp-Taste drücke? Und wie können unterschiedlich geformte Papp-Karten diesen Ton verändern? All diese Fragen und weitere, an die man noch nicht einmal gedacht hat, werden beantwortet. Die Technik hinter den Joy-Cons, die diverse Minispiele der Toy-Cons letztendlich ermöglicht, wird offengelegt und erklärt. Viele Bedienungsmöglichkeiten der Toy-Cons werden hier überhaupt erst ersichtlich. Zum Beispiel, dass man einen Schlagzeug-Beat im Klavier-Toy-Con mit Hilfe einer beiliegenden Papp-Karte kreieren kann oder dass das RC-Auto auch durch Lichteinfall mit den Infrarot-Kameras der Joy-Cons gesteuert werden kann. Der „Entdecken“-Modus ermöglicht den Spieler_innen dadurch, Labo über ein erstes spielerisches Ausprobieren hinaus zu nutzen. Mit dem hier vermittelten Hintergrundwissen entfalten sowohl die einzelnen Toy-Cons als auch die Werkstatt ihr volles Potenzial.

Vermittelt werden diese eher trocken klingenden Informationen durch die selbst erklärten Labo-Expert_innen Professor von Papp, L.-Erna und Paule. Die Präsentation des Wissens ist durch die drei Figuren nämlich alles andere als trocken und langweilig. In dialogischer Form miteinander und mit den Spieler_innen selbst werden die einzelnen Abschnitte in kleinen Häppchen erarbeitet – am Anfang steht eine Frage, die im Gespräch und anhand von Bildern und Video-Beispielen anschaulich, nachvollziehbar und kindgerecht beantwortet wird. Auch wenn das Gespräch nur in Textform stattfindet und durch einfaches Drücken oder Tippen fortschreitet, werden die Spieler_innen immer direkt angesprochen und können teilweise aus mehreren Antwortmöglichkeiten auswählen, die unterschiedliche Reaktionen der Figuren hervorrufen. Diese Form der Interaktivität, gepaart mit der richtigen Prise Nintendo-Humor, schaffen unterhaltsame Abwechslung und vermeiden den Eindruck einseitiger Informationsvermittlung.

Die einzelnen Figuren sind dabei Expert_innen auf verschiedenen Gebieten: Professor von Papp ist seines Zeichens Wissenschaftler und kennt sich mit den Bau- und Spielweisen aus, L.-Erna weiß als Mechanikerin, was es mit den Infrarot-Kameras, Vibration und Bewegungssensoren der Toy-Cons auf sich hat und Paule ist ähnlich wie der Spieler etwas ahnungslos, und lernt mit ihm zusammen die Toy-Cons kennen. Die Figuren besitzen dabei unterschiedliche Persönlichkeiten und einen ganz eigenen Charme. Muss man bei den Kommentaren im Bauen-Abschnitt schon schmunzeln, kommt man hier voll auf seine Kosten. Zusätzlich lebendig werden die Figuren durch unterschiedliche Gesichtsanimationen und Geräusche, die je nach Stimmung wechseln. Klingt banal, ist angesichts der ansonsten minimalistischen Gestaltung aber der entscheidende Unterschied zwischen lesen und erleben.

Innerhalb eines Toy-Cons gibt es wiederum viele Unterkapitel, die sich auf ihre verschiedenen Funktionen und Eigenheiten beziehen. Je nach Interesse und Lust kann also individuell die Lernerfahrung gewählt werden. Es werden außerdem mit Abschluss der Kapitel zusätzliche Kapitel und Inhalte freigeschaltet. Diese aufeinander aufbauenden Informationen sind in Bezug auf den Lernfortschritt der Spieler_innen sinnvoll und dienen gleichzeitig als effektives Belohnungssystem, das dazu anregt, jedes Kapitel zu absolvieren. Der Höhepunkt dieses Belohnungssystems ist eine Abschlussprüfung, bestehend aus fünf Fragen zu dem vorher komplett abzuschließenden Toy-Con-Abschnitt. Können die Spieler_innen alle beantworten, erhalten sie eine Medaille und haben das Kapitel erfolgreich abgeschlossen. Ein Lob der drei Wissenschaftler_innen ist dann natürlich auch sicher. Es handelt sich logischerweise nicht um Fragen einer Physik-Abschlussprüfung. Dieser Modus ist, wie Nintendo Labo insgesamt, kindgerecht aufgebaut und viele der Fragen lassen sich schon durch logisches Denken beantworten. Bei den vorhergegangenen Kapiteln aufzupassen ist dennoch wärmstens empfohlen.

„Entdecken“ ist ein rein optionaler Modus – kann man auf ein tieferes Verständnis von Labo und die „Aha“- und „Cool“-Moment verzichten, ignoriert man dieses Drittel von Labo einfach. Dass die Entwickler_innen diesen Modus aber als ganz und gar nicht nebensächlich erachten und ihn nur als nette Kleinigkeit dazu gepackt haben, verrät eben schon ihr Motto „Bauen, Spielen, Entdecken“. Ohne Absolvieren dieses Teils ist die vollständige Spielerfahrung von Labo nicht möglich. Es präsentiert und nutzt die vielseitigen Funktionen seines neuesten Konsole-Handheld-Hybrids dabei nicht nur optimal, sondern erklärt sie gleichzeitig. Diese Transparenz ruft eine Faszination und ein Interesse hervor, wie es ihren Vorgängern Wii und Wii U nie gelungen ist. Obwohl Nintendo schon länger auf Videospiele mit haptischen Elementen baut, haben sie ihre Formel noch nie so offengelegt wie mit der Switch und Labo. Nintendo besitzt dieses Alleinstellungsmerkmal unter der Konsolenkonkurrenz und nutzt nun die der Switch eigenen Technik, um ihm endlich die Bühne zu geben, die auch Spieler_innen erreicht und fasziniert. Und sie präsentieren es in bester Nintendo Manier mit viel Witz, Abwechslung und Leidenschaft für Groß und Klein.


Zu der Autorin des Artikels:

Tessa Eigenbrod kam 2015 nach Marburg, um an der Philipps-Universität den Bachelorstudiengang Medienwissenschaft zu beginnen. Als selbst erklärte Nintendo-Enthusiastin zockt sie, seitdem ihr Onkel ihr sein SNES vermacht hat. Sie bleibt auch darüber hinaus über die gesamte Welt der Games auf dem Laufenden und entdeckte (etwas verspätet) den Pixeldiskurs als ideale Anlaufstelle für Games-interessierte Studierende.

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