Pixeldiskurs-Podcast #108 – Von der Moral des Spielekaufs

Die Transaktionen sind so schnell erledigt. Ein Klick, die automatische Bezahlung via PayPal. Dabei stehen hinter den digitalen Spielen, die uns tagtäglich Vergnügen bereiten, Menschen, deren Arbeitsbedingungen mitunter zermürbend und von Ungerechtigkeit gezeichnet sind. Wir sprechen über die moralische Dimension des Spielekaufs im Kapitalismus.

Außerdem geht es um Wissen ist Macht, BioShock: Infinite und unseren genialen Plan™ zum Weiterverkauf digitaler Spiele.


Download

 

 

Inhalt:

00:00:00 – 00:29:12 Spielewoche (Reigns, BioShock: Infinite, Knowledge is Power)
00:29:12 – 01:00:28 Presseschau
01:00:28 – 01:52:52 Thema der Woche

Shownotes:

avatar

Über Tobias Klös

Tobias Klös (tk) studiert an der Philipps-Universität Marburg im Master Erziehungs- und Bildungswissenschaft und an der Goethe-Uni Frankfurt im Bachelor Philosophie. Er beschäftigt sich in Theorie und Praxis mit Medienpädagogik. Neben seiner Leidenschaft für Bücher, welche die Statik jedes Hauses gefährdet, wendet sich Tobi gerne Videospielen zu.

avatar

Über Stefan Heinrich Simond

Stefan Heinrich Simond (shs) publiziert und unterrichtet im Bereich der Game Studies am Institut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg, promoviert zur Repräsentation psychischer Krankheiten in digitalen Spielen und studiert nebenher im Master Philosophie. Er ist außerdem Host des wöchentlichen Pixeldiskurs-Podcasts.

1 comment

  1. Danke, dass ich mich hier in dieser Form zu Wort melden darf. Vielleicht zur kleinen Ergänzung eures tollen Podcast-Themas, hier nun meine Meinung: Ich denke, eigentlich habe ich als GamerIn zwei Möglichkeiten mich für bessere Arbeitsbedingungen von ArbeitsnehmerInnen in Spieleentwicklungs-Unternehmen einzusetzen. Einmal als BürgerIn und einmal als Teil der „Community“.

    Die erste Möglichkeit gilt leider nur für Deutschland (und ein bisschen für die EU).

    In Deutschland kann ich wählen. Und das ist deshalb entscheidend, weil gerechte Regeln für Arbeitsbedingungen eine politische oder gesellschaftliche Relevanz besitzen. Es gibt in Deutschland Gesetze, die MitarbeiterInnen vor Ausbeutung schützen sollen. Das ist meiner Meinung nach notwendig, weil am Gewinnmaximum orientierte Unternehmen eher die Tendenz haben, das Personal als starken Kostenfaktor zu sehen und ArbeitnehmerInnen eher in einer schwächeren Position sind, wenn es um Arbeitsbedingungen geht. Nach dem Motto: „Wenn du als ArbeitnehmerIn A diesen Job nicht für 10 Euro die Stunde machst, dann ist das kein Problem für mich als ArbeitgeberIn, weil dann nehme ich halt ArbeitnehmerIn B, die oder der macht den selben Job sogar für 8 Euro die Stunde.“ Eine Mehrarbeit für das gleiche Gehalt ist im Kern eine Stundenlohnreduzierung.
    Wenn wir nun von Crunchzeiten reden, die bezahlt oder mit Urlaub vergolten werden, dann ist das keine Gehaltsfrage, sondern eine Gesundheitsfrage. Wenn man sich hier nicht allein auf die „Fürsorgepflicht des Arbeitgebers“ zum Beispiel nach dem Arbeitsschutzgesetz verlassen will oder auf die Gewerkschaften, die durch Gesetze geschützt sind, kann man in Deutschland zumindest einen Betriebsrat gründen. „Die Betriebsratsgründung ist in jedem Betrieb möglich – vorausgesetzt, dass es mindestens fünf ständig Beschäftigte gibt. Die Betriebsratswahl darf vom Arbeitgeber nicht behindert oder verboten werden.“ Der Betriebsrat wird von den Beschäftigten in einem Unternehmen gewählt und kann „Arbeitszeitregelungen mitgestalten. Dazu gehören beispielsweise Arbeitsbeginn und -ende, Pausenzeiten, Überstunden, Teilzeit, Gleitzeit, Arbeitszeitkonten, Schichtarbeit und Bereitschaftsdienst.“ Grundlagen dafür, dass diese Regeln gelten, sind Gesetze. Als GamerIn bin ich auch BürgerIn und kann meine politischen oder gesellschaftlichen Ansichten in einer Wahlentscheidung Gewicht verleihen. Gesetze sind deswegen ein sehr mächtiges Mittel, weil Unternehmen, die dagegen verstoßen vor einem Gericht verklagt werden können. Man kann sie also zu etwas zwingen. Ich habe also auch als GamerIn mit Bürgerrechten eine wichtige Stimme.

    Die Möglichkeit zwei ist die des Kunden oder der Kundin oder des „Community-Mitglieds“.

    Gegen die Rechte, die ich als „wahlberechtiger Gamer oder wahlberechtigte Gamerin“ bzw. StaatsbürgerIn habe, sehen die Möglichkeiten, die ich als Kunde oder Kundin habe, erst mal sehr schwach aus:
    1. Keine Wahlmöglichkeit: Es gibt nur ein „Life is Strange 2“. Beim Einkaufen im Lebensmittelladen habe ich wenigstens die kleine Wahl zwischen den selben Produkten. Also Frischkäse der Firma A oder Frischkäse der Firma B. Oder: Konventionelle Tomate oder Bio-Tomate. Es gibt aber nur ein bestimmtes Computerspiel. Ich habe also eigentlich keine alternative Wahlmöglichkeit. Es gibt nicht das selbe Spiel einmal mit super und einmal mit schlechter Produktion.
    2. Wenn ich als Kunde oder Kundin das Spiel spielen will, muss ich es kaufen. Geschenkt gibt es aus Kundensicht nur wenig. Also muss ich früher oder später zum Gewinn des Unternehmens beitragen. Der Verzicht darauf, das Spiel zu kaufen, ist auch ein „Verlust“ für mich als Kunden oder Kundin.
    3. Ich kann als Kunde oder Kundin die Herstellung des Produkts nicht beeinflussen. Ich sehe noch nicht einmal wie es hergestellt wurde. Ich sehe nur das Game im Regal. Ich habe nicht das Recht das Unternehmen zur Aufklärung zu zwingen. Damit schlechte Arbeitsbedingungen publik werden, braucht es Leaks von Arbeitnehmern oder Arbeitnehmerinnen.
    4. Die Kommunikation erfolgt nur über Kauf oder Nichtkauf. Und dafür gibt es viele Gründe, wie beispielsweise: Armut, zu wenig Zeit zum Shoppen oder Freizeit, Spiel nicht gut beworben, schlechte Kritiken. Das Unternehmen kann nicht wissen, weshalb ich das Spiel nicht kaufe oder nur rabattiert kaufe. Es kann also auch meine Nichtkauf-Entscheidung nicht auf die Produktionsbedingungen des Spiels zurückführen. Es hat also keinen direkten Einfluss auf die Produktionsbedingungen, ob ich ein Spiel zum Rabatt oder gleich zu Release kaufe. Indirekt wohl eher dadurch, dass wenn ich Spiele zum Rabatt kaufe oder nicht kaufe, dass dann die Personalkosten aus Unternehmenssicht noch mehr gedrückt werden müssen. Aber auch wenn ich ein Spiel zum Vollpreis kaufe, ist ja nicht gesagt, dass dieser Gewinn auch dann den angestellten Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen zu Gute kommt und nicht einfach als Dividende den Aktionären und Aktionärinnen ausgeschüttet wird.

    Es wäre jetzt aber zu kurz gegriffen, wenn man die „Community“ eines Spiels komplett außer Acht lassen würde. Um mich zur „Community“ eines Spieles zu zählen, muss ich aber nicht unbedingt Kunde oder Kundin sein. Ich muss noch nicht einmal Computerspiele mögen, sondern kann mich mit der großen Masse an Leuten tatsächlich einfach nur öffentlich beschweren. Dieser Faktor des „Mobs mit Mistgabeln“ ist aber ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite zeigt er, dass die „potenziellen“ Kunden oder Kundinnen durchaus eine Macht haben, wenn es zum Beispiel um die Lootbox-Thematik geht, aber auch dafür sorgen können, dass ArbeitnehmerInnen öffentlich gefeuert werden. Zudem ist diese Art der „Einflussnahme“ auf die Spieleentwicklung auch aus kultureller Sicht fragwürdig. Wenn der Mob entscheidet welche Spiele entwickelt werden, könnte das viele nachteilige Folgen haben, wie einen Einheitsbrei an Spielen oder Innovationsträgheit in der Spieleentwicklung. Es gibt also viele positive Effekte wie Mitgestaltung, Beteiligung und Feedback der „Community“, aber auch viele Schattenseiten, wie beispielsweise „Hetzkampagnen“.

    Fazit: Mein Wahlrecht und damit für bessere Arbeitsbedingungen als BürgerIn zu stimmen, habe ich leider nur regional beschränkt auf nationaler Ebene. Meine gesetzlichen Wahlrechte als GamerIn wiegen aus meiner Sicht aber schwerer, als meine Möglichkeiten als Kunde oder Kundin, Einfluss auf das Spieleentwicklungsunternehmen ausüben zu können. Spieleentwicklung ist leider globales Terrain. Um für bessere globale Arbeitsbedingungen zu stimmen, fehlt mir das Recht. Bessere Arbeitsbedingungen werden wahrscheinlich zu teureren Spielen führen, weil die Entwicklungskosten steigen. Aber am Gewinnmaximum orientierte Unternehmen werden früher oder später teurere Spiele anbieten, sobald sie merken, dass wir als Kunden und Kundinnen die notwendige Kaufkraft haben.

    Darum hier mein Appell: Liebe GamerInnen, wenn ihr etwas an schlechten Arbeitsbedingungen in der Gamesbranche ändern wollt oder die Rechte von ArbeitnehmerInnen schützen und beibehalten wollt, bitte geht wählen (egal was ihr wählt, ob Partei, Gewerkschaft oder Betriebsrat, nehmt eure Wahlrechte als GamerInnen wahr) und solidarisiert euch in „Communities“ oder einzeln mit den Arbeitnehmern, indem ihr direkt und höflich mit den Unternehmen der Spielebranche, Verbänden oder Politikern Kontakt aufnehmt und über das Thema „Arbeitsbedingungen“ redet. Und kauft Games so, wie euch der Geldbeutel gewachsen ist.

    Eure Strohi

    Quellen:
    https://www.betriebsratswahl.de/wahlwissen/vor-der-betriebsratswahl/betriebsrat-gruenden?gclid=EAIaIQobChMI9pKI7KeZ3QIVTuJ3Ch2LKwdhEAAYASAAEgIxhvD_BwE
    https://www.polygon.com/2018/7/9/17549492/arenanet-jessica-price-guild-wars-2-writer-fired
    https://www.heise.de/newsticker/meldung/Star-Wars-Battlefront-2-Die-Rueckkehr-der-Mikrotransaktionen-3998047.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.