Wenn Medien zum Inhalt anderer Medien werden. Remediation im Videospiel Tengami.

Videospiele, die sich in irgendeiner Form als Reinszenierungen auszeichnen, faszinieren mich. Spiele also, die etwas bereits Existierendes neu in Szene setzen. Während ich im Beitrag zu Hitman Go eine Spielekonvertierung von einem 3D-Shooter zu einem (virtuellen) Brettspiel als medialen Seitwärtsschritt behandelt habe, lag der Fokus bei dem Text zu Monument Valley auf der Implementierung und Neugestaltung von kulturellen Elementen in einem Videospiel. Einmal also die gestalterische Reinszenierung eines Videospieles in einem anderen, und einmal eine inhaltliche Reinszenierung von bildexternen Gegenständen in einem Spiel. In diesem Text soll eine weitere Art der Repräsentation aufgezeigt werden. Die Reinszenierung eines Mediums in einem anderen Medium. Genauer wird die Inszenierung von dem historisch älteren Medium des Buches in dem neueren Medium des Videospiels behandelt.

TengamiRemediation ist dabei das Stichwort. Das von David Jay Bolte und Richard Grusin entwickelte Konzept der Remeditation sagt aus, dass jedes neue Medium auch immer ein älteres Medium inne hat (vgl. Erll, 2011: 127). Dies baut auf Marshall McLuhans Aussage auf, nach welcher „der »Inhalt« jedes Mediums immer ein anderes Medium ist” (McLuhan, 1994: 22). Das ist am Gegenstand des Videospiels so zu erklären, dass dieser zum Beispiel in Form von Videosequenzen auch Darstellungsarten des Spielfilms enthält. Das neuere Medium des Videospiels besteht also auch teilweise aus dem älteren Medium des Films. Eine mediale Repräsentation ist somit auch eine Remediation (vgl. Erll, 2011: 128). Diese Repräsentation bzw. Remediation kann dabei auf zwei Arten passieren. Entweder auf eine offensichtliche oder auf eine unsichtbare Weise. Der unsichtbare Ansatz besteht darin, das Vorhandensein des alten Mediums im neuen zu verschleiern, während bei der offensichtlichen Vorgehensweise das alte Medium sichtbar gemacht und ins Zentrum der Betrachtung gerückt wird (vgl. ebd.). Das 2014 erschienene Mobilegame Tengami des Entwicklers Nyamyam ist nicht nur ein wunderschön gestaltetes Spiel, sondern auch ein hervorragendes Beispiel, um eine ungewöhnliche Art der Remediation im Videospiel aufzuzeigen.

TengamiBesagtes Spiel beginnt mit dem Aufklappen eines Buches, welches das gesamte Spiel über als narrativer Raum dient. Aufgrund dieser Beschaffenheit wird bereits die Bezugnahme zum Begriff der Remediation ersichtlich. Es handelt sich um die Integration des Mediums des Buches in das Medium des Videospiels. Dabei erfolgt die Integration auf die bereits beschriebene offensichtliche Vorgehensweise, wobei die Beschaffenheit des repräsentierten Mediums fokussiert wird. Dies wird dadurch ersichtlich, dass das Buch als solches immer erkennbar ist und mit den dem Medium zugrundeliegenden typischen Elementen, wie das Umklappen einer Seite, gearbeitet wird. Das die Geschichte eines Videospiels über die Inszenierung eines Buches vermittelt wird ist natürlich nichts Neues. Tengami zeichnet sich jedoch durch einen außergewöhnlichen Umgang damit aus. Das Buch dient gemeingültig als Darstellungsplattform von Zeichen, die wir interpretieren und daraus eine Geschichte abstrahieren. In Tengami bilden die Seiten des Buches jedoch keine Schriftzeichen ab, sondern präsentieren ihren Inhalt durch gefaltete Blätter, die sich beim Aufklappen der Seiten aufrichten. Ein Prinzip, das man meist von Kinderbüchern her kennt. Das Videospiel nutzt diese durch das Aufklappen entstehende Fläche als interaktive Bühne für seine Geschichte. Der Spieler muss nämlich die Figur des einsamen Kriegers über bzw. durch die Seiten des Buches bewegen und durch vielfaches Umklappen von Bildelementen oder ganzen Seiten Rätsel lösen und Wege durch die Landschaft finden.

Tengami

Dabei hat die Spielfigur ebenso wie alle anderen Teile der dreidimensionalen Spielwelt die Optik von dünnem Papier. Das Medium des Buches dient hier also nicht nur als narrativer Handlungsraum, sondern zugleich auch als interaktive und dimensional fassbare Spielwelt. Das Buch erzählt somit nicht durch die Vermittlung von Symbolen und Zeichen, sondern durch seine physische und interaktive Beschaffenheit. Im Videospiel Tengami wird also ein altes Medium nicht nur offensichtlich in einem neuen repräsentiert, sondern in seiner Beschaffenheit verändert, ohne seine grundlegende Eigenschaft als vermittelndes Medium zu verändern. Eine sehr außergewöhnliche Art von Remediation, die eine überaus kreative Art von Reinszenierung aufzeigt.

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Über Thomas Bendels

Thomas Bendels (tb) studierte nach Abschluss einer praktischen Ausbildung im Medienbereich den Bachelorstudiengang Medienwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Seit 2014 befindet er sich im Masterstudiengang Medienwissenschaft an der Universität Hamburg, ist am Institut für Medien und Kommunikation als studentische Hilfskraft angestellt und schreibt für den Blog pixeldiskurs.de. Publikationen und Forschungsinteressen finden sich in den Game Studies und der Filmwissenschaft mit Schwerpunkt auf mediale Transformationsprozesse und kognitivistische Ansätze.

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