Neue Wege durch Schützengräben

Über Antikrieg und Dokumentation in Valiant Hearts: The Great War

Die Triple-A-Industrie scheint festgefahren und wir Spieler wollen Innovation. Wir fordern: Entwickler sollen sich endlich mal wieder etwas trauen, anstatt stets heiße Aufgüsse eingefahrener Spielmechaniken zu liefern. Da darf man sich schon mal wundern, wenn ein Spiel wie Valiant Hearts: The Great War um die Ecke kommt, das im ersten Moment doch fast schon Indie wirkt, obwohl es im Entwicklerstudio Ubisoft Montpellier geschaffen wurde. Was Valiant Hearts so besonders macht und warum es vielleicht anders ist als Ihr dachtet, lest Ihr im folgenden Artikel.

„Frei nach Ereignissen, die sich zwischen 1914 und 1918 an der Westfront abgespielt haben.“ Dieser erste Satz nach Starten des Spiels sagt schon überraschend viel über die weiteren Stunden aus, in denen ich durch Liebes-, Leidens- und Heldengeschichten des Ersten Weltkriegs gelotst werde. Dabei begleiten wir fünf sehr unterschiedliche Figuren, die alle einen anderen Blick auf den Krieg und die für ihn erbrachten Opfer aufweisen. Dramatisches Pulver wird schon zu Beginn schnell verschossen. Denn Emile, ein französischer Vater, lebt mit seiner Tocher und dem deutschen Landarbeiter Karl nahe an der Grenze des Deutschen Reiches. Karl und Emiles Tochter Marie sind verliebt und haben einen kleinen Sohn. Noch vor dem (angenehm minimalen) Tutorial werden jedoch sowohl Emile als auch Karl für ihre Vaterländer eingezogen, Marie und ihr Sohn bleiben zurück und leiden unter der deutschen Besatzung.

Valiant Hearts: Karl GehtWas gerade durch den frühen Einsatz großer Dramatik erzwungen klingt, ist jedoch eine gelungene Rahmung für eine Geschichte, die sich auf eine besondere Weise erzählt. Denn die Figuren in Valiant Hearts drücken, entgegen meiner Erwartungen, nur selten auf die Tränendrüse. Nicht selten bekam ich abseits der Zwischensequenzen das Gefühl, nur Gefäße für meine eigene Spielerfahrung zu steuern, während Emotionen vor allem über den Soundtrack vermittelt werden. Es gibt innerhalb der Levels keine inneren Monologe, detaillierte Gesichtsaufnahmen oder zweifelnde Momente der Charakterzeichnung – und das ist großartig!

Valiant Hearts: Annas verwundete SoldatenDenn ich laufe im ersten Gefecht mit erhobener Flagge voran und muss neben kleinen Ausweichpassagen plötzlich feststellen, dass trotz heldenhafter Musik ein Soldat nach dem anderen um mich herum niedergeschossen wird. Sehe ich den historisch ersten Einsatz von Chlorgas und seine zerstörerischen Auswirkungen – wenn auch stark stilisiert – direkt vor mir, hole ich schonmal tief Luft, auch wenn meine Figur praktisch keine Reaktion darauf zeigt. Und wenn ich als Anna, eine im Krieg zur Sanitäterin gewordene Tierärztin, an verstümmelten Soldaten und Leichenbergen vorbeilaufe und die wenigen Überlebenden verpflegen muss, dann übermittelt das eine Botschaft über Krieg, die doch vielmehr schockiert, als klare Aussagen und Gefühlsausbrüche einzelner Figuren es je könnten.

Dieser stilistische Umgang mit einer Geschichte, die immer wieder auch ihre Bosskämpfe und Heldentaten bereithält, wirkt subtil, gerade weil die Geschichte der Einzelnen nur in Zwischensequenzen wichtig wird. Man mag sicherlich anprangern, dass Valiant Hearts noch zu sehr an spielerischen Erfolgen hängt, was nicht zuletzt auch an dem Ubisoft-typischen Sammeltrieb mit versteckten Gegenständen in jedem Level liegt. Doch selbst nachdem ich ein Fort auf eigene Faust erstürmte, ließ es mich doch bedrückt zurück, da trotz meiner vermeintlichen Heldenleistung der Krieg und meine Reise durch die Schützengräben einfach weiterging.

Valiant Hearts: Am Feuer

Sind es im Englischen die wackeren Herzen, die sich durch die Geschehnisse des Ersten Weltkrieges bewegen, hat der französische Ursprungstitel einen, wie ich finde, treffenderen Zugang zur Geschichte gefunden. „Soldats Inconnus: Mémoires de la Grande Guerre“ übersetzt sich ungefähr mit „Die unbekannten Soldaten: Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg“. Erinnern wir uns an den ersten öffentlichen Trailer, fällt uns vielleicht noch ein Zitat ein, das wir doch sonst eher aus der Filmlandschaft kennen: „Inspired by letters from the first World War“. In diesen beiden Beispielen liegt die Essenz von Valiant Hearts und das, was es neben seinen Qualitäten als Antikriegsspiel so besonders macht: Das Dokumentarische.

Auf den Begriff des Dokumentarspiels möchte ich hier gar nicht weiter eingehen, schließlich handelt es sich offensichtlich um eine fiktive Geschichte. Doch haben sich die Entwickler auf verschiedenen Ebenen dokumentarischen Ideen angenähert. Im ersten Schritt geschieht das durch Titel und genanntes Zitat, die uns einen Realitätsbezug versprechen und diesen auch in Ubisoft-typischer Manier einhalten. Wie schon in der Assassins Creed-Reihe wurde viel Wert auf die historische Korrektheit der Ereignisse gelegt, sodass alles Fiktive wirklich so geschehen sein könnte.

Für diesen Eindruck sorgt auch ein unbeteiligter Erzähler, der Spielern die Geschichte wie aus einer Erinnerung heraus erzählt. Er gibt historische Fakten, Ereignisse oder Stationen in der Reise der Hauptfiguren preis, verfällt dabei aber nie in eine zu persönliche Erzählweise und ist somit die Brücke zwischen der fiktiven Erzählung und historisch-dokumentarischen Kontexten.

Insbesondere aber profitiert der dokumentarische Charakter des Spiels von der Partnerschaft mit der französischen Kommission „Mission Centenaire 14-18“, die zum 100. Jahrestag das Gedenkprogramm des Ersten Weltkrieges organisiert und ambitionierte Projekte zu dessen Aufarbeitung unterstützt. So kann man während des Spielens fast immer Zusatzinformationen zum gerade ablaufenden Szenario aufrufen, die aus Archivfotografien und Informationstexten bestehen. Dadurch lässt sich die noch so fiktive Geschichte immer schwerer von der Realität trennen, gleichzeitig wird Geschehnissen im Spiel Nachdruck verliehen, ob nun durch Todeszahlen, Bildern aus dem Kriegsalltag oder Details zu diversen Alltags- und Kriegsgerätschaften.

Valiant Hearts: Fakten und Objekte

Die aus vorherigen Elementen folgende Hybridisierung dokumentarischer und fiktiver Inhalte, gekoppelt an die sensible Aufarbeitung eines historischen Ereignisses, ist für Videospiele noch Neuland und genau deshalb zeigt Valiant Hearts, dass Videospiele mehr sein können, als reines Unterhaltungsmedium. Dass ausgerechnet ein „Big Player“ wie Ubisoft dahinter steckt, ist der Sache definitiv zuträglich.


Valiant Hearts hat mich gefesselt, weitergebildet und schockiert. Und nicht zuletzt hat es mich auch zu Tränen gerührt. Es verfällt mit Absicht in dokumentarische Erzählweisen, die symbiotisch mit fiktiven Einzelschicksalen verbunden werden, und lebt von einer Geschichte, die doch niemals den Unterton des Krieges vernachlässigt. Man vergisst schnell, ob man gerade Held oder Opfer spielt, ob Siegeszug oder Trauerspiel vor einem ablaufen. Und man hofft, dass an einem Ende des Bildschirms alles besser wird und der Krieg ein Ende findet. „Sein Appetit ist unersättlich“, heißt es in einem Zitat des Spiels. Und letztendlich arbeitet jeder Moment auf diese Botschaft hin.

Die Entwickler bei Ubisoft Montpellier wollten mir eine Botschaft über Krieg vermitteln und an die Geschehnisse des Ersten Weltkrieges erinnern. Spätestens mit dem eindrucksvollen Abschluss der Geschichte ist ihnen das wirklich gelungen! Valiant Hearts mag seine Schwächen haben, doch sagt es immens viel über das Potential von Videospielen aus. Aus diesem Grund werde ich mich wohl noch lange an Emile, Freddie, Anna, Karl und Walt erinnern, und hoffe, dass dieses Format kein Einzelfall in der Videospielgeschichte sein wird.

Valiant Hearts: Emiles Reise

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Über Alexander Henß

Alexander Henß (ah) studiert den M.A. Medien und kulturelle Praxis an der Philipps-Universität Marburg und erfüllt aktuell die Rolle des Chefredakteurs für pixeldiskurs.de. Er mag digitale Spiele und gute Geschichten sehr und hat deshalb sein persönliches Pendant zu Romanen in Visual Novels gefunden. Überhaupt schaut er sich aber gerne mal alles an, mag dann auch manches, stellt Thesen auf und sammelt Eindrücke.

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