Der Jüngste Tag, gemalt in den Farben Lovecraft’scher Phantastik

„Wer weiß das Ende? Was aufstieg, kann wieder untergehen, was versank, kann wieder erscheinen. Grauenvolles wartet und träumt in der Tiefe, und Fäulnis kommt über die wankenden Städte der Menschen.“ – H.P. Lovecraft: Cthulhus Ruf (1926).

Der Weltuntergang. Geprägt von den Schilderungen aus den Offenbarung des Johannes oder den Blockbustern Roland Emmerichs manifestieren sich in den Köpfen vieler Menschen bei diesem Stichwort Bilder von Katastrophen. Dabei sind Vulkanausbrüche, tosenden Riesen-Tsunamis und Meteoritenschauer gepaart mit Massenpanik, Tod und Verzweiflung wohl die am ehesten assoziierten Szenarien. Ein ganz anderes Bild von der Entrückung und dem damit verbundenen Ende der Welt aber zeichnet der Freeware-Titel The Rapture Is Here And You Will Be Forcibly Removed From Your Home. Um PC- und Mac-Usern seine nur 20 Minuten dauernde Version des Jüngsten Tages näher zu bringen, nutzt Entwickler Connor Sherlock vier Erzählungen des amerikanischen Schriftstellers H. P. Lovecraft – Das gemiedene Haus, Cthulhus Ruf, Der Schatten aus der Zeit und Die Farbe aus dem All.

Dass ich die Götterdämmerung mal eben so bei einem Spaziergang durchs Grün erleben soll, erscheint mir im ersten Moment fragwürdig. Ich komme mir nicht so vor, als würde ich hier gerade einem Endzeit-Szenario beiwohnen. Mir deucht eher, in Van Goghs Krähenfeld zu lustwandeln. Nur ohne besagte Krähen. Sondern ganz allein.bildschirmfoto-2014-06-19-u Und mit einem Schwarzen Loch über mir. Das dröhnt, sobald ich meinen Blick in seine Richtung lenke. In genau diesem Szenario aber fallen Lovecrafts Worte auf fruchtbaren Boden. Gerade im sehr reduzierten und ruhig anmutenden Leveldesign nehmen sie Gestalt an und entfalten ihre komplette Wirkung. Ihr Grauen überkommt mich dabei schleichend und langsam, aber sicher. Anders als vielleicht erwartet, lassen sich Videospiel und Literatur hier wunderbar miteinander verbinden. Vor allem funktioniert das dadurch, dass die Geschichten Lovecrafts nicht nachgespielt werden sollen, sondern einzig die Rahmung bilden, sowohl visuell, als auch narrativ. So speist sich das einsame, menschenverlassene Land, auf dem ich mich wiederfinde, aus den Schilderungen der Gegend Arkhams in den Geschichten des amerikanischen Schriftstellers. Narrativ eingebettet werden die Erzählungen in diese Umgebung ausschließlich durch Monologe. Vier Erzähler, deren Worte in Form von aktivierbaren Strahlen über dem Boden schweben, berichten von Spekulationen über die Großen Alten, vermischt mit Schilderungen von Amnesie, der Heimsuchung der Menschheit durch übernatürliche Kräfte und der Angst vor verfluchtem Grund und Boden. Der Tonfall der Erzähler wird dabei immer dunkler, je mehr der Strahlen ich aktiviere. Das eigentliche Spielen tritt dabei ein wenig in den Hintergrund, auch ein Spielziel wird nicht vorgegeben. Tatsächlich lenkt The Rapture Is Here And You Will Be Forcibly Removed From Your Home seinen Fokus scheinbar mehr auf das Erleben der literarischen Vorlage in Form einer besonderen Visualisierung.

Neu zusammengesetzt und platziert in diesem Kontext gewinnen die Worte aus den vier Werken des phantastischen Literaten eine weitere Bedeutungsdimension. Gemeinsam malen sie das Bild vom Ende der Welt, lassen erahnen, dass das Grauen wartet, von langer Hand geplant und vorbereitet. Seine Zeit ist gekommen. Darüber aber, was das Grauen anrichten wird, lässt es mich nichts in Erfahrung bringen. Ich bin ausgeliefert. Sowohl den bilderreichen und furchteinflößenden Worten Lovecrafts als auch der reduzierten visuellen Ebene. Ganz subtil und unterschwellig schleicht sich bei mir eine gewisse Beunruhigung ein. bildschirmfoto-2014-06-19-uNun, das stimmt nicht ganz. Ich bin nicht nur beunruhigt, ich fühle mich bedroht. Bewusst ausmachen kann ich das erst nach und nach. Je mehr Dialoge ich aktiviere, desto unheimlicher wird die Situation. Ich kann dem Ende nicht entrinnen. Egal, wie sehr ich mich anstrenge. Bewusst macht mir das Spiel diesen Umstand auf der visuellen Ebene durch das mehr und mehr an Größe gewinnende Schwarze Loch. Über allem erhaben, nimmt es langsam den Himmel ein, der immer wieder von Blitzen erhellt wird. Auch sprießen seltsame Gebilde wie Pilze aus dem Boden, und erinnern an den schwarzen Monolithen der extraterrestrischen Urväter in Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssee. Auf der auditiven Ebene tut die Musik schließlich ihr Übriges, indem sie in surrealistisch anmutender Manier stetig Endzeit-Stimmung verbreitet. Mir bleibt verwehrt, alle Dialoge zu aktivieren, und damit das zu schaffen, was ich mir ursprünglich vorgenommen hatte. Meine Hilflosigkeit steigt weiter an. Schlussendlich werde ich der zunehmenden Dunkelheit vollends und bewusst gewahr. Das Schwarze Loch droht, alles zu verschlucken, meine Wenigkeit mit eingeschlossen. Die Entrückung scheint fast vollendet. Und damit auch die Prophezeiung Lovecrafts. Was danach kommt, entzieht sich der Vorstellungskraft. Es liegt im Dunkeln verborgen und bleibt wohl bis zuletzt unbekannt.

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Über Sabrina Strecker

Sabrina Strecker (st) schreibt, seit sie schreiben kann und spielt, seit ihre Hände groß genug sind, um einen Controller zu halten. Beides verbindet sie heute als Freiberuflerin. Mit Hilfe von Hektolitern rabenschwarzen Kaffees bewältigte sie ihr Bachelorstudium der Medienwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg und setzt dieses nun im Master an der Universität Hamburg fort. Mit nicht minder starkem Kaffee-Einsatz. Alles, was sie nebenbei noch an Zeitquäntchen übrig hat, stopft sie in ihre Plattensammlung und Konzertbesuche.

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