Primordia: Retro-Cyber mit emotionaler Tiefe

In der Zukunft sind die Menschen von der Erde verschwunden. Hinterlassen haben sie Maschinen und haufenweise Dreck. Energie ist rar. Umso schlimmer, dass dem Roboter Horatio Nullbuilt sein Energiekern gestohlen wird. Der Spieler schlüpft in seine Rolle um ihn wiederzufinden. Auf der Suche verschlägt es ihn in die korrumpierte Stadt Metropol. Begleitet wird er von seinem Freund und in gewisser Weise Sohn Crispin Horatiobuilt.

Primordia (Wormwood Studios / Wadjet Eye Games) erinnert stark an Spiele aus der goldenen Ära des Point-and-Click-Adventures. Die Grafik ist veraltet, das ist klar. Doch grade durch den Minimalismus wird die eigene Vorstellungskraft angefacht. So sieht es nicht nur optisch aus wie Beneath a Steel Sky, sondern fühlt sich auch so an. Zwischen dem Helden und seinem selbsternannten „Sidekick“ entwickelt sich eine ebenso wunderbare Eigendynamik, wie schon damals zwischen Foster und Joey. Beispielsweise traut sich Crispin nicht mit seinem Robter-Schwarm zu flirten, weshalb Horatio ihn zunächst an seiner Lampe üben lässt. So simpel gestalten sich allerdings auch die meisten Rätseln in Primordia. Oftmals sind es klassische Kombinationenaufgaben, die nur von dem fummeligen Inventar unnötig erschwert werden. Dialog- und Eingaberätsel gehören aber genauso dazu. Weiß man einmal doch nicht weiter, kann man sich auf „good old Crispin“ verlassen. Er kann nicht nur bei Rätseln aushelfen, indem er entfernte Gegenstände erreichen kann, sondern auf Wunsch auch Ratschläge erteilen. Dabei kommt es der Atmosphäre zugute, dass diese Hilfefunktion in das Spiel eingebunden und nicht lediglich als Lösungsbuch runterspult wird. Gefasst sein muss man jedoch auf Crispins zynische Antworten.

Zynisch ist sowohl der Humor, als auch das Cyberpunk-Szenario, was sich Primordia ebenfalls mit Beneath a Steel Sky teilt. In Horatios „Gospel of Man“ wird der Mensch zum Gott verklärt, zum „All-Builder“. Der Titel Primordia spielt auf den Grundbaustein für pflanzliches Wachstum an. Und aus Horatios Plattenspieler schallen sehnsüchtig die melodischen Klänge aus dem Lied „Dreams of Green“ in die braune Spielwelt hinein.

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Es sind solche Anspielungen auf den Rationalisierungszwang der Moderne, die die Atmosphäre des Spiels melancholisch prägen. Doch so zynisch das Szenario auch sein mag, die Helden sind liebevolle Hoffnungsträger, denen man wünscht es am Ende zu schaffen.

Schon am Anfang gibt es verschiedene Entscheidungsmöglichkeit, die Horatio und Crispins Ausgang beeinflussen können. So erhält man beim Versagen mancher Rätsel wichtige Gegenstände nicht, die jedoch für ein Happy End nötig wären. Die Geschichte verliert allerdings zu schnell an Fahrt. Erst einmal in Metropol angekommen, ist der Antagonist ausgemacht und das Ziel klar. Das nimmt dem Spiel deutlich an Spannung raus. Dennoch vermag es weiter zu fesseln. Man wartet nur darauf was Crispin wohl als nächstes Horatio (verbal) an den Kopf werfen wird, welchen Roboter-Witz er noch auf Lager hat und was die anderen Roboter in Metropol zu sagen haben. Es ist die emotionale Tiefe der Charaktere, die die Spielwelt lebendig werden lässt. Und schließlich zeichnen die fantastischen Sprecher und der verspielte Dialogwitz die pixeligen Spielfiguren – die eigentlich Maschinen darstellen sollen – menschlicher als so manch andere HD-Helden.

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Über Kevin Pauliks

Kevin Pauliks, M.A. (kp) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie, insbesondere Handlungs- und Interaktionstheorien der Bergischen Universität Wuppertal. Von 2014 bis 2016 studierte er Medien und kulturelle Praxis an der Philipps-Universität Marburg. Als Redakteur von Pixeldiskurs hegt er ein besonderes Interesse an Adventure-Games und Serien aller Art.

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