Flash-Tipp: Every Day The Same Dream

Jeden Tag schalten wir verschlafen den Wecker aus und schälen unseren übernächtigten Körper aus den Kissen. Jeden Tag werfen wir uns ein mehr oder weniger generisches Outfit über, Frühstück, ein kurzer Abschiedskuss. Jeden Tag klicken wir tausendfach auf Computermäuse, lochen, heften ab, archivieren, dokumentieren. Jeden Tag sinken und fallen die Kurse, leiern die Radios, summen die Motoren. Jeden Tag synchronisieren wir uns mit den Maschinen. Jeder Tag gleicht jedem anderen, jeder Mensch jedem anderen. Jeden Tag haben wir den gleichen Traum.

Molleindustria ist bekannt für kritische, politische Flash-Spiele. Sicherlich werden noch weitere Titel des italienischen Studios ihren Weg in unsere Flash-Tipps finden, doch für dieses Mal steht Every Day The Same Dream von 2009 ganz im Fokus der Aufmerksamkeit. Eine Metapher auf das Arbeitsleben – die Unendlichkeit in der Zyklizität oder die Zyklizität in der Unendlichkeit.

Am besten macht ihr allerdings erstmal selbst die Erfahrung, bevor ihr weiterlest:

Mich hat der kurze Flash-Titel nachhaltig beeindruckt. Innerhalb von nur sechs Tagen haben Molleindustria eine kleine, subtile und verstörende Perle gebastelt, ein Spiel, von dem man gar nicht richtig weiß, wie man es beschreiben soll. Auf rein ludologischer Ebene bleibt nur eine abstrakte Adventure-Mechanik, die so stark reduziert ist, dass sie fast nicht vorhanden ist. Auch grafisch und inszenatorisch gibt sich Every Day The Same Dream minimalistisch. Die schnörkellose Musik von Jesse Stiles untermalt perfekt die alltägliche Tristesse.

Und gerade diese stilistische Zurückhaltung hinterlässt zahlreiche Leerstellen und ermöglicht, sich selbst samt des eigenen Arbeitsalltags wiederzuerkennen. Ohne Gesichtszüge, ohne Charakteristika bleibt der Protagonist eine unidentifizierbare Schaufensterpuppe, deren bemerkenswerte Profillosigkeit sie einzigartig macht, die untergeht in einem Meer von ihresgleichen in den Großraumbüros und den Verkehrsstaus, in den immer gleichen Tagen und Träumen.

Sein Chef schreit ihn an, erscheint rüpelhaft und fast antagonistisch zur liebenden Frau in den privaten, schützenden Wänden. Doch mit solchen Oberflächlichkeiten gibt sich Every Day The Same Dream nicht zufrieden und platziert hinter dem Chef das Diagramm eines fallenden Börsenkurses. Die ökonomische Macht, die Industrie als treibender Faktor der Gleichschaltung ausnahmslos aller. Der wütende Chef zieht keine Sympathien auf sich, doch erweckt er spätestens ab dem zweiten Durchgang Mitleid, da sich seine eigene Getriebenheit schonungslos offenbart.

Dankenswerterweise verzichtet Molleindustria allerdings auf die Moralkeule und erhebt nicht den Anspruch, einen Ausweg zu kennen – vielleicht weil es gar keinen gibt? Der Obdachlose als nicht funktionierendes Zahnrad im Kreislauf der ökonomischen Maschinerie, führt die Spielenden zu einem Friedhof. Die Flucht aus dem Verkehrsstau führt lediglich zu einem kurzen Abstecher ins Grüne. Der Notausgang führt auf’s Dach, zum Geländer, zum Suizid und selbst das einzige Blatt an dem knöchernen Baum auf der Straße ist braun, vertrocknet und hat mit inspirierender Freiheit nichts mehr gemein.

Der einzige Lichtblick entsteht durch die Überlagerung der Traumebenen. Doch handelt es sich um eine optimistische Perspektive, ein Ende, dass den zwischenmenschlichen Zusammenhalt als Rettung in letzter Sekunde definiert? Oder nicht viel eher um erdrückenden Pessimismus, die Gewissheit, dass niemand mehr da sein wird und sich letztlich jeder selbst der Nächste ist? Die restlose Ökonomisierung des sozialen Lebens als konsequente Antwort?

Wie habt ihr Every Day The Same Dream erlebt? Teilt ihr die beschriebene Perspektive? Seid ihr gar komplett anderer Meinung? Lasst uns euren Gedanken in den Kommentaren da!

– Stefan Simond

avatar

Über Stefan Simond

Stefan Simond (sts) studierte an der Philipps-Universität Marburg im Master Medien & kulturelle Praxis. Er ist nicht nur Musiker und Autor, sondern verachtet auch leidenschaftlich Videospiele. Neben seiner Funktion als Chefredakteur auf pixeldiskurs.de arbeitet er am Institut für Medienwissenschaft in Marburg.

3 comments

  1. Interessantes Spiel, danke für den Hinweis.
    Die wenigen und kurzen Schnipsel abseits des Weges spiegeln sehr gut den Schein von Alternativen und Freiheiten im angepassten Leben wieder.
    Triste Persönlichkeiten anhand eines alten einsamen Mannes, der vor dem Friedhof Wache schiebt und auf das unvermeindliche Ende wartet. Wen hat er verloren? Gab es eine Zeit in der er glücklich war? Ist es vielleicht kein Mann, sondern der symbolisierte Tod, dem in der heutigen schnelllebigen und vom Jugendwahn besessenen Welt keinen Platz mehr eingräumt und ausgeblendet wird? Kein Platz, ignoriert, alleine…wie könnte man diese Punkte besser verkörpern, als durch eine alte „unnütze“ Person….
    Eine kautzige alte Frau im Fahrstuhl, die einem wirres Zeug erzählt, egal ob man seine Hose trägt oder nicht.
    Abgesehen vom Chef, scheint niemand auch nur einen Blick auf den Hauptcharakter zu werfen. Alles ist im Automatismus festgefahren, dennoch kurios, dass ein Rettungsausgang mit einem Suizid gleichgesetzt wird. Oder war es doch nur die Aussicht, die einem Rettung verspricht und man ist instinkitiv über das Geländer geklettert?
    Irgendwie erinnert mich Every Day an die alten Trickfilme aus den 50ern und 60ern. Stilistisch wäre Another World nahe dran, aber diese Tristesse und die Amtosphäre ist doch eher bei den alten Trickfilmen zu finden.
    Hoffe, Ihr weist noch mehrmals auf solche kleinen Perlen hin. :
    Übrigends ist die Musik echt klasse, jedenfalls für eine Weile. Auf Dauer dürfte die Stimmung sicherlich darunter leiden 😉
    Gruß Delorean

  2. Ja, tatsächlich habe ich, während ich den Artikel getippt habe, ununterbrochen den Soundtrack laufen lassen, einfach um die lethargische Stimmung aufrecht zu erhalten.
    „Oder war es doch nur die Aussicht, die einem Rettung verspricht und man ist instinkitiv über das Geländer geklettert?“
    Das ist ein sehr schönes Gedanke! Der Suizid ist gar nicht unbedingt das Ziel, sondern er geschieht eher unwillentlich, sozusagen als unerwünschter Nebeneffekt des Fluchtreflexes. Aber eigentlich war es ja auch nur ein Traum und letztlich begegnet man sich selbst. Man könnte es auch ein wenig esoterisch lesen, sozusagen als Aufruf zur Selbsterkenntis, bzw. Reflexion.
    Auf jeden Fall ist der Titel sehr spannend und ich habe noch ein paar schöne Flash-Tipps in der Hinterhand!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.